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Lebensmittel und die informierte Entscheidung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Thomas Lambeck   
Samstag, den 22. Januar 2011 um 18:04 Uhr

Der Dioxin-Skandal ist noch nicht ganz aufgeklärt und es geht schon wieder los mit der unterschwelligen Schuldzuweisung an die Verbraucher. Frau Ilse Aigner, unsere Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz äußerte sich in einem Radiointerview vor wenigen Tagen so: "Viele könnten etwas mehr Wertschätzung, mehr Geld letztendlich für Lebensmittel ausgeben." Dazu muss ich jetzt doch mal ein paar Gedanken äußern.

 

Dass Verbraucher durch "Schwerpunktsetzung beim Einkauf" dafür sorgen werden, die Qualität der Lebensmittel zu verbessern, klingt erst einmal logisch - glaubt man doch gern, dass Lebensmittel, die mit einer größeren Sorgfalt produziert werden, teurer sein müssen. Demnach wäre die Lösung einfach: Verbraucher müssten einfach nur die teuersten Lebensmittel kaufen und im Laufe der Zeit würde es dann nur noch hochwertige Lebensmittel geben.

 

Einer näheren Überprüfung hält diese Argumentation freilich nicht stand. In einem funktionierenden Markt ist es zwar so, dass sich gute Produkte im Laufe der Zeit gegen schlechtere durchsetzen. Das funktioniert aber nur dann, wenn der Kunde (Verbraucher) die Qualität zweier Produkte einigermaßen objektiv beurteilen kann. Dazu gehören objektive Informationen über die Produkte. Die sind bei einem Auto, einer Stereoanlage oder etwa einer Waschmaschine auch vorhanden. Die technischen Daten entnimmt man der Bedienungsanleitung oder man lässt sie sich vor dem Kauf vom Verkäufer schriftlich bestätigen. Man probiert die Produkte im Fachgeschäft mal aus oder macht eine Probefahrt mit dem Auto. Und wenn man hinterher Probleme mit der Produktqualität hat, sind Verkäufer oder Hersteller in der Pflicht (Stichwort: Gewährleistung und Herstellergarantie).

Heutzutage hat man zwei andere wichtige Informationsquellen:

  1. Überprüfbare Produktinformationen zum Beispiel im Internet. Oftmals kann man die Bedienungsanleitung technischer Geräte vor dem Kauf direkt von den Internetseiten des Herstellers herunterladen und sich für das passende Produkt entscheiden.
  2. Unabhängige Testberichte. Wer hat nicht schon tagelang Testberichte in Autozeitungen verglichen, bevor er sich über mehrere Jahre hinweg an einen Finanzierungsvertrag bindet?

Dies alles ermöglicht eine informierte Entscheidung.

 

Auf Lebensmittel trifft das aber so nicht zu! Und es würde mich auch wundern, wenn das der Fall wäre. Die Deutschen essen nämlich schon besonders viele Bio-Produkte! Dazu gab es erst vor kurzem eine Umfrage von Infratest. (Zitat: "Die meisten Bioprodukte werden nach den Studienergebnissen von Deutschen und Italienern verzehrt.")


Warum aber funktioniert "der Markt" bei Lebensmitteln nicht? Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Die meisten Schadstoffe kann man weder sehen, riechen noch schmecken.
  2. Viele Schadstoffe brauchen Tage, manche Monate oder Jahre, um ihre schädliche Wirkung zu entfalten. Und bei manchen tragen erst unsere Kinder die Last, weil unser Erbgut geschädigt wurde.
  3. Selbst wenn die Wirkung relativ schnell einsetzt, ist das Produkt zu dem Zeitpunkt bereits "weg", weil wir mit dem Essen schlichtweg fertig sind. Da ist es dann schwer, den Schuldigen etwa für die Magenverstimmung auszumachen.

Die Aufzählung zeigt deutlich, dass der Markt sich hier nicht selbst regeln kann. Eigentlich ist es sogar unklug, im Supermarkt teurere Lebensmittel zu wählen, weil man als Verbraucher (vor allem bei abgepackten Produkten) keinen Qualitätsunterschied feststellen kann. Das widerspricht sogar dem Marktgedanken. Warum sollte ich mehr Geld für ein anderes Produkt ausgeben, wenn ich keinen Qualitätsunterschied feststellen kann? Dazu kommt noch, dass immer wieder Fälle bekannt werden, bei denen sich Firmen genau auf diesen falschen "Glauben an den Markt" eingestellt haben. Zeitungsberichte wie "Teure Lebensmittel sind nicht immer gut" zeigen dies recht deutlich. (Beachtenswert ist in diesem Artikel die Ausführung zu den 100 Gütesiegeln, die in Deutschland allein im Lebensmittelbereich existieren.)

 

Es liegt also auf der Hand, dass die Verbraucher bei Lebensmitteln besonderen Schutz benötigen! Besonders wichtig ist Transparenz, wie sie sich die Piratenpartei seit Jahren auf die Fahnen geschrieben hat. Und zwar sowohl bei den Ergebnissen von Lebensmittelkontrollen, die von jedem Verbraucher schnell und einfach einsehbar sein muss, als auch bei den Kennzeichnungen auf Lebensmitteln, die Verbraucher nicht zusätzlich in die Irre führen dürfen. Beides Forderungen, die nun schon seit dem letzten Frühjahr auch in unserem Wahlprogramm für die kommende Landtagswahl stehen.

 

Und genau diese Transparenz wäre auch die Aufgabe einer Ministerin für Verbraucherschutz. Das kommt natürlich nur schwerlich zur Sprache, wenn selbst nach einem Giftskandal wie diesem die Produzenten die Hauptansprechpartner sind. Ob man dieses Mal wirklich "hart durchgreifen" wird? Übrigens: der letzte Dioxin-Skandal liegt nicht einmal 1 Jahr zurück.


 

Randnotiz:

Da im aktuellen Fall die ersten belasteten Proben offenbar bereits im März 2010 auftauchten, hätte ein Whistleblower diese Machenschaften bereits viel früher aufdecken können. Wenn es denn einen gegeben hätte.

 

 

Links in diesem Artikel:

http://www.tns-infratest.com/presse/pdf/Presse/2011_01_21_TNS_Infratest_Nutrition_Health_Bioprodukte.pdf

http://www.ftd.de/politik/deutschland/:gesunde-ernaehrung-teure-lebensmittel-sind-nicht-immer-gut/50214113.html

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,druck-740885,00.html

http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/ueberregional/blick-in-die-welt_artikel,-Lieferung-in-mindestens-neun-Bundeslaender-_arid,100413.html

http://www.noz.de/deutschland-und-welt/politik/50523950/78-fach-ueberhoehte-dioxinwerte-im-tierfutter


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 25. Januar 2011 um 00:30 Uhr
 

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