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Am vergangenen Wochenende, 3. und 4. Dezember 2011, fand in Offenbach am Main der zweite Bundesparteitag in diesem Jahr statt. Über 1300 Piraten waren aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengekommen. Sechs Ludwigsburger Piraten nahmen am Parteitag teil. Hinzu kamen noch zahlreiche Vertreter von Piratenparteien anderer Nationen und der Pirate Party International (PPI). Dieser Parteitag war ein sogenannter programmatischer Parteitag, bei dem also keine Vorstandswahlen stattfanden - Vorstände werden in der Piratenpartei für nur ein Jahr gewählt - sondern ausschließlich Anträge zur Satzung, dem Grundsatz- und Wahlprogramm und Positionspapiere vorgestellt, diskutiert und beschlossen wurden.

Aus unserer Sicht war dieses Wochenende ein Meilenstein in der Geschichte der Piratenpartei. Neben einer genauen Vorstellung, wie ein geändertes Urheberrecht aussehen soll, konnten wir uns vieler anderer Themen wie dem BGE, Hartz IV, Drogen- und Suchtpolitik annehmen. Leider sind in den Schlagzeilen der Medien viele Details über die Beschlüsse verlorengegangen. Daher möchten wir vorneweg auf drei Beschlüsse eingehen, die derzeit in den meisten Medien falsch dargestellt werden und somit für viel Unmut bei Bürgern und Wählern sorgen. Die Details können dann den Beschlüssen unten entnommen werden.
- BGE: Der Parteitag hat sich entgegen vieler Pressemitteilungen nicht für ein BGE in Deutschland ausgesprochen. Unser Beschluss zeigt die grundsätzliche Einstellung der Piraten zu dieser Idee, macht aber deutlich, dass wir für eine so weitreichende Entscheidung auf die Kompetenz einer Enquete-Kommission setzen. Diese soll Vorschläge erarbeiten, welche dann in einem nationalen Volksentscheid zur Wahl stehen.
- Fahrscheinloser ÖPNV: Auch bei diesem Beschluss liegen die meisten Medien einer Fehlinterpretation auf. Die Piraten haben sich mit großer Mehrheit für ein Positionspapier entschieden, welches den fahrscheinlosen ÖPNV in Städten zum Thema hat. Es geht hier nicht um einen kostenlosen ÖPNV, sondern um ein Konzept wie man diesen auf anderem Wege, ohne Fahrscheine, finanzieren kann.
- Legalisierung von Drogen: Diese Meldung ist sogar genau genommen falsch. Unser Beschluss befasst sich mit einer Sucht- und Drogenpolitik, die unabhängig von Stigmata und Prohibition alle suchtgefährdenden Stoffe und Reize wissenschaftlich auf ihre Sucht- und Sozialgefahr hin untersucht und entsprechend einteilt. Das schließt Zigaretten, Alkohol, Spiele, Internet, Medikamente und die bisher als Drogen bekannte Dinge ein.
Zahlreiche Gastredner waren eingeladen oder ergriffen die Möglichkeit, sich an den Parteitag zu wenden. Zu den Rednern gehörte zum Beispiel der Oberbürgermeister der Stadt Offenbach am Main, Herr Horst Schneider (SPD). Höhepunkt hingegen war unzweifelhaft die Rede von Lola Voronina, Mitglied der russischen Piratenpartei. Die gebürtige Russin lebt zurzeit in Prag und unterstützt die Piratenpartei Russland von dort aus. Sie berichtete unter anderem von den Schwierigkeiten, welche die Piraten dort haben. Nach ihrer Rede hielt es niemanden mehr auf den Stühlen. Der mehrere Minuten andauernde Applaus schien vor allem Anerkennung gegenüber den Menschen auszudrücken, die sich dort trotz der Widerstände für Veränderungen in der Gesellschaft engagieren.
Zum Abschluss des zweiten Tages schloss der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz den Parteitag. Dabei lobte er auch die gute Zusammenarbeit der Piraten, die den Weg nach Offenbach auf sich genommen hatten.
Ein großer Dank gilt den vielen Piraten im Hintergrund, die diesen Parteitag organisierten, die Versammlung leiteten, Abstimmungen auszählten, das Protokoll schrieben oder sich wie die Jungen Piraten um die Garderobe kümmerten.
Positionspapiere
- Positionspapier zur Hartz IV Debatte
- 1. Präambel
- 2. Höhe des Regelbedarfs
- 3. Sanktionen
- 4. Zuverdienstmöglichkeiten
- 5. Bedarfsgemeinschaften
- 6. Feststellung der Erwerbsfähigkeit
- 7. Verbot von Zeitverträgen für Angestellte
- Die derzeitige SGB-II-Gesetzgebung („Hartz IV“) sowie das Sozialhilferecht (SGB XII) verstoßen gegen die Menschenwürde.
- Kritik am Status Quo der Berechnung des Hartz IV-Regelsatzes. Der Hartz-IV-Regelsatz sollte stattdessen zusammen mit den durchschnittlich erstattungsfähigen Kosten für Unterkunft und Heizung mindestens die Höhe der Armutsrisikogrenze erreichen. Ablehnung von Abschlägen bei der Regelsatzberechnung - keine staatliche Bevormundung der Betroffenen.
- Kürzungen von Sozialleistungen als Sanktionen abschaffen.
- Erwerbsarbeit soll finanziell belohnt werden. Mind. 30% des Zuverdienstes müssen beim Sozialleistungsbezieher bleiben. (statt derzeit 80-90% Transferentzug)
- Statt rasch Bedarfsgemeinschaften zu unterstellen ist davon auszugehen, dass beantragte Sozialleistungen tatsächlich benötigt werden und eine Bedarfsgemeinschaft nur dann vorliegt, wenn dies auch erklärt wird. Keine häuslichen Kontrollen zur Überprüfung von Bedarfsgemeinschaften.
- Verbot von Zeitverträgen für Angestellte der Jobcenter
- Auch Arbeitssuchende selbst sollten gegen die Entscheidung der Agentur für Arbeit über ihre Erwerbsfähigkeit Widerspruch einlegen können (derzeit können dies nur Sozialleistungsträger oder Krankenkasse).
- Piratenappell pro Europa
- Die Piratenpartei bekennt sich zu Europa, begrüßt die europäische Idee, die sie weiterzuentwickeln mithelfen möchte und sieht die derzeitige Krise mit großer Sorge. Den Verlust von Demokratie im Zuge der europäischen Union sieht sie kritisch. Die Piratenpartei will zu einer Debatte beitragen über die Möglichkeit eines durch eine gemeinsame Verfassung konstituierten, demokratischen europäischen Rechtsstaates. Piratenparteien Europas sind aufgerufen, gemeinsam mit der Piratenpartei Deutschland Positionen zu grenzübergreifenden politischen Themen zu erarbeiten.
- Einführung eines fahrscheinlosen ÖPNV
- Die Piratenpartei will die Machbarkeit eines fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehrs analysieren. Dafür soll es Pilotprojekte geben und der Versuch im Erfolgsfall bundesweit ausgedehnt werden.
Wahl- und Grundsatzprogramm
- Reform des Urheberrechts - Stärkung der Interessen von Urhebern und Allgemeinheit (Wahlprogramm)
- Die Rechte von Nutzern sollen gestärkt und vermehrt auch Bildungsaspekte berücksichtigt werden.
- Nicht-gewerbliches Kopieren soll unbegrenzt erlaubt sein.
- Die Urheberpersönlichkeitsrechte sollen mindestens bis zum Tod des Urhebers, maximal aber bis 10 Jahre bis nach seinem Tod, gelten.
- Für die Trennung von Staat und Religion (Grundsatzprogramm)
- Weltanschauliche Neutralität des Staates statt Privilegierung der traditionellen christlichen Kirchen
- Trennung von religiösen und staatlichen Belangen
- keine finanzielle und strukturelle Privilegierung einzelner Glaubensgemeinschaften
- Drogenpolitischer Antrag der AG Drogen (Grundsatzprogramm)
- Suchtpolitisches Programm der Piratenpartei Deutschlands (Grundsatzprogramm)
- Ablehnung der heutigen, wissenschaftlich nicht haltbaren Unterscheidung in legale und illegale Stoffe (Bsp.: Alkohol vs. Haschisch)
- Beendigung der bisherigen Kriminalisierung der Konsumenten und damit verbundenen Schwarzhandel durch kontrollierte Erwerbsstrukturen ersetzen
- "Regeln, helfen und leiten statt strafen"
- Kinder und Jugendliche umfassend und faktenbasiert über die Gefahren des Rauschmittelkonsums informieren
- flächendeckender Ausbau des Netzes an Beratungs- und Hilfseinrichtungen
- Schutz von Nichtkonsumierenden
- Gemeinsam gegen Rassismus (Grundsatzprogramm)
- Rassismus, Ausländerfeindlichkeit sowie jede andere Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird entschieden entgegengetreten
- Die Piratenpartei unterstützt Kampagnen, die das Verständnis von verschiedenen Kulturen und Weltanschauungen verbessern und Menschen helfen, sich aus einschlägigen Kreisen zu lösen.
- Migration bereichert die Gesellschaft (Grundsatzprogramm)
- Die Vielfalt, die durch das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft entsteht, ist eine Bereicherung.
- Europa braucht wirtschaftliche Migration.
- Zuflucht vor Verfolgung und Krieg sicherstellen
- Die Menschen, die in Europa Zuflucht suchen, haben das Recht auf Bewegungsfreiheit und die Teilhabe an Arbeitswelt, Bildung und Kultur.
- Bedingungsloses Grundeinkommen und Mindestlohn (Wahlprogramm)
- Wir setzen und für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, das die Existenz sichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
- Dazu wollen wir eine Enquete-Kommission im Bundestag einsetzen, die bestehende Modelle bewertet, neue erarbeitet und diese den Bürgern transparent macht.
- Parallel sollen auf Bundesebene die Voraussetzungen für Volksabstimmungen geschaffen werden, so dass auch direkt-demokratisch über eine Einführung entschieden werden kann.
- Bis dahin setzen wir uns für einen Mindestlohn ein.
- Abschaffung der Sanktionen bei Hartz IV (§§ 31, 32 SGB II, § 39 a SGB XII) (Wahlprogramm)
- Abschaffung und sofortige Nichtanwendung der Sanktionen bei Hartz IV
- Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft in Kammern und Verbänden (ausgenommen Rechtsanwalts-, Notar- und Ärztekammern) (Grundsatzprogramm)
- Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft in Kammern und Verbänden (wie IHK) sowie der Landwirtschafts- oder Handwerkskammer
- Rechtsanwalts-, Notar- und Ärztekammern sind davon ausgenommen.
- Begrenzung der Leiharbeit (Wahlprogramm)
- Instrument zur Bewältigung von Auftragsspitzen bleibt erhalten.
- Verhindern des Missbrauchs für Lohndumping und als Druckmittel gegen die Stammbelegschaft
- ESM-Vertrag
- Die Piratenpartei kritisiert die demokratischen Defizite bei der Entstehung des ESM-Vertrags, sowie bei einer möglichen Umsetzung. (Der ESM soll demnach das Recht bekommen, sich jeder staatlichen Aufsicht und Gerichtsbarkeit und damit demokratischer Kontrolle komplett zu entziehen.)
- Offene Verträge mit der Wirtschaft (Grundsatzprogramm)
- Verträge mit öffentlichen Einrichtungen sowie Informationen über diese müssen öffentlich sein, ggf. mittels Nachveröffentlichung.
- Ausschreibungen müssen transparent und tatsächlich offen sein.
- Ausnahmeregelungen bei besonderen Gefahren durch die Veröffentlichung
- Freier Zugang zu öffentlichen Inhalten (Grundsatzprogramm)
- Informationsfreiheit: Jeder soll Arbeitsweise aller öffentlichen und öffentlich finanzierten Stellen im Detail verstehen können.
- Open Data: Dort anfallende Informationen sind sofort, ungefragt, standardisiert, dauerhaft und frei verfügbar zu machen.
- Open Commons: Bürger als unmittelbare Auftraggeber dürfen diese öffentlich finanzierten Inhalte nach Belieben aufrufen, verwenden und weitergeben.
- Open Access: Vergabe von Fördermitteln an die freie Veröffentlichung der erlangten Erkenntnisse knüpfen.
Abgelehnt wurden dagegen, neben einer Reihe nicht zufriedenstellend begründeter Anträge, unter anderem die folgenden Anträge:
Wenn Fragen zu Beschlüssen bestehen versuchen wir sie so gut wie möglich zu beantworten. Nutzt einfach die üblichen Kontaktmöglichkeiten.
Foto:
Joachim S. Müller
(Wahlprogramm) |